Samstag, 3. November 2012
Und da bin ich wieder...
Hallo meine lieben Mitfiebernden und Mitfiebernde,

nach langer Wartezeit melde ich mich nun wieder aus der russischen Föderation mit den aktuellsten Neuigkeiten.
Ich hatte die unglaublich tolle Möglichkeit am 21. Oktober mit dem Zug eine zweitägige Reise nach Saratow anzutreten, da ich mich dort mit einem pensionierten Priester aus Dresden getroffen habe. Er arbeitet in der katholischen Kirchengemeinde in Saratow, die auch gleichzeitig Bischofssitz des geschätzten Bischofs Pickel des Bistums Saratow ist. Saratow ist eine etwas kleinere Stadt als Wolgograd mit etwa 850.000 Einwohnern etwa 400km nördlich von Wolgograd. Also für russische Verhältnisse gleich um die Ecke. So viel zu den Rahmenbedingungen.
Das hieß also für mich: Ich musste eine Karte kaufen und eine gut 6 Stündige Fahrt mit einem russischen Zug in einem Schlafwagon hinter mich bringen, damit ich in Saratow am Bahnhof von einem polnischen Priester aus derselben Kirchengemeinde abgeholt werden kann. Ich schickte also im Vorfeld ein Foto von mir und die genaue Ankunftszeit und Wagonnummer nach Saratow und hoffte das Beste. Als ich endlich das Zugticket mit der umsichtigen Hilfe von Ruslan in der Hand halten durfte war ich schon mal sehr glücklich. Die Reise sollte für mich am Sonntag um 9.00 beginnen. Ruslan brachte mich also zum Zug und zu meinem mir zugeteilten Sitzplatz. Wobei man in diesem Fall eher Liegeplatz sagen müsste. Ein russischer Schlafwagon besteht aus mehreren Liegeflächen, die auf zwei Ebenen Aufgeteilt sind. Steht man im Mittelgang so hat man zu seiner rechten eine untere Ebene und eine obere Ebene an Liegeflächen parallel zur Fahrrichtung. Zur linken befinden sich die Liegeflächen senkrecht zur Fahrtrichtung auch auf zwei Ebenen. Zwischen jeweils zwei unteren Liegeflächen gibt es die Möglichkeit die Liegeflächen als Sitzplatz zu nutzen und einen kleinen Tisch dazwischen herzurichten. Meine Karte war besonders günstig, daher befand sich mein Platz auf der linken Seite ganz oben. Als ich es dann bis auf die Pritsche geschafft hatte befand sich etwa einen Meter über mir nochmal eine Pritsche, die aber als Ablagefläche für Gepäck genutzt werden konnte. Die Zugfahrt war also echt ein Abendteuer wert und so unbequem es manchmal auch war, sich sechs Stunden lang auf 2 m³ aufzuhalten, hab ich es doch sehr genossen. Ich hatte einen wunderbaren Blick aus dem Fenster, den ich mit meiner Kamera festgehalten hab. Er war nämlich zu fast jedem Zeitpunkt der gleiche. Ich sah Wiesen, Wälder, Strommasten und manchmal die ein oder andere Straße. Ich konnte in die scheinbar unendliche Weite des russischen Landes blicken. Da fühlte ich mich schon gleich gar nicht mehr so eingeengt. Und das schlafen war dort auch sehr gut möglich ;).



Vor Ort wurde ich von dem polnischen Priester abgeholt und ins Pfarrhaus gebracht, wo sich auch meine Unterkunft befand. Am Abend hatte ich die Gelegenheit die Stadt ein wenig auf eigene Faust zu erkunden, da sich etwa 400m von dem Pfarrhaus und der Kirche entfernt das Ufer der Wolga befand mit seinen wunderschönen Fußwegen und einem tollen Ausblick.





Was mir in Saratow noch stärker aufgefallen ist als in Wolgograd, ist die teilweise sehr große Schere zwischen Armut und Reichtum. Das folgende Bild hab ich aus dem Küchenfenster des recht neuen Pfarrhauses gemacht.



Am Abend hab ich mich mit dem Dresdner Priester unterhalten bevor der Tag für mich zu Ende ging. Am anderen Morgen war ein deutscher Berufsschullehrer zu besuch, der zurzeit in Marx (etwa 80 Km entfernt) eine Heizung in eine neue Kirche installiert. Mit ihm hab ich ein interessantes Gespräch geführt, da er nur 30 km von meiner Heimat in Deutschland entfernt wohnt. Anschließend bin ich vom Hausmeister wieder zum Bahnhof gebracht worden. Dieses Mal begann das Abenteuer der russischen Zugfahrt schon mit dem Kauf der Karte: Der Zug fuhr in 20 Minuten und die Schlange vor uns an der Kasse wurde nicht kürzer. Immer wieder ging die Kassiererin wieder vom Schalter weg und telefonierte oder trank Kaffee. Der Hausmeister und ich wurden immer nervöser, bis er plötzlich los rannte und mich hinter sich her zog. Plötzlich waren wir beim Zug angekommen, der mich nach Wolgograd zurück bringen sollte, der Hausmeister sprach kurz mit der Schaffnerin, die die Fahrkarten an der Tür des Wagons kontrollierte und schleuste mich hinein. Ich wusste überhaupt nicht wie mir geschah. Als während der Fahrt die Schaffnerin an meinem Platz vorbei kam, versuchte ich ihr zu erzählen, dass ich es aus zeitlichen Gründen nicht mehr geschafft hätte eine Karte zu kaufen. Darauf gab sie mir zu verstehen, dass das gar kein Problem sei und stelle mir eine aus, was mich sehr erleichterte. Also Zugfahren in Russland muss man gemacht haben wenn man dort ist.
Am darauffolgenden Wochenende begann es in Wolgograd langsam kälter zu werden und Ruslan plante mit mir einen Ausflug zu einem der größten Märkte in der Umgebung, um mich winterfest einzukleiden. Wir fuhren am Morgen mit der Straßenbahn los und kauften gute, mit Fell gefütterte Lederhandschuhe, dicke Socken, dicke Filseinlagen für die Schuhe und eine typische, traditionelle, russische Mütze. Eine sog. Schapka-Uschanka. Seit etwa zwei Tagen haben wir hier Minustemperaturen und seitdem laufe ich mit dieser Mütze herum. Da es für russische Verhältnisse jedoch längs noch nicht kalt ist, bin ich leider der Einzige. Somit identifiziert mich die Mütze eindeutig als mehr oder weniger eigenwilligen Touristen. Aber mir gefällt die Mütze sehr.



Seit letztem Freitag darf ich auch wieder einem meiner Hobbys nachgehen. Ich singe in dem Kirchenchor unserer Kirchengemeinde mit. Eigentlich war ich nur zufällig bei der Probe dabei, da die Gründung eines deutsch-russischen Chores für den Weihnachtsmarkt geplant war. Jedoch fehlten die Deutschen. Ok, kein Problem, ich hab gedacht: „Die kommen bestimmt noch…“ und hab bei den russischen Mitgliedern des Chores mitgesungen. Und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Weil auch die Lieder sehr langsam sind - ich also sehr gut mitlesen kann - und weil wir eine sehr engagierte Dirigentin haben.
Ein weiteres Highlight war am vergangenen Sonntag das Leuten der Kirchenglocken. In unserer Kirche müssen die drei Glocken noch über Seile von der Empore aus bedient werden, wie man es vielleicht aus Heimatfilmen der 50er Jahre kennt. Ich wurde von Elia, dem Organisator aus dem Kinderzentrum, gefragt ob ich Lust hätte die kleinste Glocke zu Leuten. Ich hab gar nicht gedacht dass es so schwierig sein kann, zunächst die Glocken in Bewegung zu bringen und vor allen Dingen die drei Glocken synchron wieder zu stoppen. Auf jeden Fall werde ich das jetzt öfter machen, weil ich es sehr beeindruckend finde.
Des Weiteren habe seit dem 29.10. mein Studium an der Technischen Universität aufgenommen. Ich studiere mit 8 in etwa gleichaltrigen Studentin und Studentinnen zusammen, die nach diesem Studium an der Uni Ingenieurwesen studieren möchten, da das russische Studium eine höhere Qualität bietet als das Studium in ihren Heimatländern. Später wollen sie mit dem Studium in der Heimat arbeiten. Die Studenten kommen aus Afghanistan, Indonesien, Tschad und Jordanien. Die Pausen verbringe ich meistens mit den afghanischen Studenten. Alle sind sie unglaublich gastfreundlich und erzählen viel von zu Hause. Wir treffen uns oft und tauschen uns über unsere Heimatländer und unsere Familien etc. aus.

So meine geschätzten Leserinnen und Leser, das wars für diese Woche von mir. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit und für die netten Kommentare.

Euer Markus

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